Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen.— Psalm 130,6

Liebe Leserin, lieber Leser unseres Gemeindebriefes,
wir verbringen viel Zeit mit Warten. Beim Arzt, im Supermarkt an der Kasse, auf dem Bahnhof, im Amt. Kleine Kinder warten auf den Geburtstag und auf Weihnachten. Eltern mit erwachsenen Kindern warten auf das erste Enkelkind, Studenten warten auf den Bafög-Bescheid usw.
Warten ist eine unserer Haupttätigkeiten. Und in diesen Wochen warten wir alle wieder. Mich begleitet vor allem in der dunklen Jahreszeit das Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ von Jochen Klepper. Denn in diesem Lied finde ich die Sehnsucht und die Hoffnung meiner Seele gut aus-gedrückt, die sich in Beziehung zu Gott nach dem Morgen, nach der Wiederkunft Jesu sehnt. Aus dieser Hoffnung und Sehnsucht schöpfe ich und vielleicht Ihr auch, die Kraft auch die dunkle Jahreszeit zu überstehen, die Täler des Lebens, den Blick auf den Tod und das Warten, das manchmal so unsäglich schwer fällt. Gott ist es, der uns hält, der uns durch diese Zeiten führt – so wie er auch durch die Höhen und wunderbaren Zeiten uns begleitet.
Angesichts der Krisen der Welt und der Brüche im Leben könnten wir schier verzweifeln. Doch gerade in der Dunkelheit leuchtet Gottes Licht der Welt umso heller, wird die Gnade Gottes umso größer uns vor Augen gestellt – so wie ein Leuchtturm gerade in der Dunkelheit am weitesten zu sehen ist.

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„Herbstliche Morgenruhe am Tiefwarensee“ © Enrico Klee

Und so wird dieses Warten zu einem Warten, wie Kinder auf die Bescherung warten. Voller Neugier, drängelnd, gespannt auf die Geschenke, den geschmückten Baum, die Lieder, den Geruch, die Gemeinschaft. Es wird zur Vorfreude auf das Licht der Ewigkeit. Und so, wie es ist, wenn mehrere Kinder vor dem Wohnzimmer warten, bis es endlich losgeht, so sitzen wir übertragen gesagt gemeinsam vor dem „Wohnzimmer“ der Ewigkeit aus dem schon Licht zu uns dringt und der ein oder andere gute Geruch. So können miteinander in der Gemeinde die Hoffnung und die Sehnsucht teilen. Lasst uns Wege unseres Lebens miteinander gehen und einander im Reden, Tun und auch Schweigen unterstützen. Und lasst uns einander auch dann respektieren und im Gebet unterstützen, wenn manche von uns Teile ihres Weges alleine und schweigend gehen wollen oder müssen.
Ich wünsche uns diese freudige, gespannte und tragfähige Hoffnung, diese Sehnsucht unseres Herzens, unserer Seele, die auf den Tag wartet. Jesus ist das Licht der Welt, der Tag ist bereits im Kommen, die Nacht dauert nicht mehr lange, das Wohnzimmer geht bald auf. Auch wenn das Warten für Dich gerade die größte und schmerzhafte Erfahrung ist – Gott weiß darum und ist bei dir!
Zur Einstimmung möchte ich uns die Worte der Hoffnung, Sehnsucht und Gewissheit aus dem Lied von Jochen Klepper zurufen und Mut machen an Gott und an einander dran zu bleiben und miteinander freudig und gewiss zu warten:

Noch manche Nacht wird fallen
Auf Menschenleid und –schuld
Doch wandert nun mit allen
Der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr.
Von Gottes Angesichte
Kam euch die Rettung her.

Ihr / Euer Pastor Enrico Klee