Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!— Psalm 139,14

Liebe Leserin, lieber Leser unseres Gemeindebriefes
Es ist endlich Sommer! Luftige Kleidung, hohe Temperaturen und eine gewisse Urlaubsstimmung prägen in diesen Wochen unser Stadtbild. Und am Rand der Löhner Dörfer stehen volle Felder: Roggen, Weizen, Raps, Kartoffeln usw.
Der Sommer könnte so schön sein, wenn da nicht dieses leicht komisch aussehende Gesicht im Spiegel wäre, das mich dort seit geraumer Zeit ansieht und mir seit Anfang Juni vom Arzt bestätigt ist: Jawohl, ich schiele. Mein krankes Auge hat jegliches Interesse an einem symmetrischen Gesichtsausdruck verloren und schaut jetzt wie gebannt um einige Grad woanders hin als das gesunde Auge. Es sieht nicht schön aus, es stört, sollte eigentlich anders sein.
Vor ein paar Tagen dann ging ich morgens durch die Mennighüffer Felder. Es war noch Tau auf den Grannen und die Sonne spiegelte sich in den Wogen des Getreides. Eine perfekte Stimmung – für mich, fürs Fotografieren. Für die Bauern ganz bestimmt etwas weniger. Denn das perfekte Bild der Felder hatte einen Makel: Kornblumen und Mohn. Die gehören nicht ins Getreide, die gehören nicht aufs Feld. Sie sind ein Fehler im System der landwirtschaftlichen Optimierung.

2017-06-14 IMG_7064a

Kornblumen und Mohn (Foto von Enrico Klee)

Beim Betrachten der Situation und später der Fotos ist mir aber etwas klar geworden: Der scheinbare Makel macht das Feld eigentlich erst sehenswert, einzigartig. Mir drängte sich die Frage auf: Wäre ich stehen geblieben, wenn da keine Mohnblume gewachsen wäre?
Die Mohnblume setzte der perfekten Situation die Krone auf, sie war das I-Tüpfelchen, obwohl sie streng genommen gar nicht dahin gehört, stört, Unkraut ist.
Und dann fiel mir mein schielendes Auge wieder ein: dieses Auge gehört zu mir. Doch ob ich es ständig als störend empfinde und mich nur darüber ärgere oder aber solche unschönen und irreparablen Dinge akzeptieren lerne und Gott dennoch für mein Leben danke incl. der Macke, das kann ich selbst entscheiden.
Mir ist ganz neu bewusst geworden, dass die kleinen und größeren Makel und Marotten uns Menschen gerade erst ausmachen, unsere Identität entscheidend mitbestimmen. Ohne sie wäre es langweilig im Leben. Und natürlich sind wir auch herausgefordert dazu, nicht alle Makel und Macken zeitlebens einfach hinzunehmen, besonders nicht die, die dem Zusammenleben von uns Menschen und unserer Beziehung zu Gott eher schaden als gut tun.
Ich lade Sie und Euch darum ganz herzlich ein: Wenn Ihr in den nächsten Tagen Dinge seht oder erlebt, die störend sind, die nicht passen, versucht einmal zu überlegen: Was wäre, wenn diese Macke nicht da wäre? Würde etwas fehlen? Wo ist gerade das Schöne, das in allem Negativen dieses Makels hervorleuchtet, das diesen Menschen, diese Situation, diese Begegnung in Teilen oder insgesamt wunderbar sein lässt?
Ich bin dankbar, dass die Mohnblumen im Feld gewachsen sind. Denn so konnte ich „Macken“ im Getreide als I-Tüpfelchen erleben und mein Schielen als einen Teil erkennen, der mich einzigartig macht.
Und so kann ich trotz schiefem Blick in das Gebet mit einstimmen, das der Psalmbeter Gott entgegenruft: Ich danke dir dafür, dass ich so wunderbar erschaffen bin, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. Ja, das habe ich erkannt: Deine Werke sind wunderbar!
Eine gesegnete Sommerzeit und gute Entdeckungen wünscht Ihnen und Euch Ihr / Euer Pastor Enrico Klee