Meine erste D-Mark

IMG_0876Die Grenze. Es läuft mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn ich diese Linie passiere, die Türme sehe, die Reste der Grenzanlagen. Hier war Schluss. Ende. Auf beiden Seiten unseres Landes. Mitten durch Orte, Landschaften, Familien, Freundschaften. Wenn ich auf Besuch zu meinen Eltern und Geschwistern in Thüringen fahre, passiere ich oft den Grenzpunkt zwischen Philippsthal in Hessen und Vacha an der Werra. Einerseits empfinde ich da Entsetzen. Ein Todesstreifen war hier, undurchdringlich, menschenverachtend.

IMG_0874Andererseits ergreift mich eine tiefe Dankbarkeit. Eine Dankbarkeit über das Wunder, das keiner geglaubt hätte. Selbst zwei Jahre vor dem Mauerfall nicht. So haben meine Eltern es mir erzählt. Eine Dankbarkeit über die Freiheit, die Einheit unseres Landes und die neuen Möglichkeiten, z.B. der medizinischen Versorgung, auf die ich damals aufgrund einer Erkrankung angewiesen war.

Beim Mauerfall war ich gerade einmal 8 Jahre alt. Situationen und Begegnungen aus dieser Zeit erinnere ich nur in Teilen. Eine davon war in Bad Hersfeld. Es war eine unserer ersten Fahrten dorthin. Auf einer Straße gab mir eine Frau ein Eine-Mark-Stück. Sie war offensichtlich aus dem „Westen“. D-Mark! Westgeld! Mein erstes! Ich war glücklich, angekommen, habe mich wertgeschätzt gefühlt. Im Nachhinein könnte ich sicher fragen: War das nicht etwas von oben herab? Almosen an die armen Ossis? Was sollte das? Genau genommen weiß ich auf diese Fragen keine Antwort. Ich weiß nur, dass ich mich gefreut habe. Aber das Gefühl, von oben herab behandelt zu werden, das haben leider viele Menschen in der ehemaligen DDR in den Jahren danach erlebt. Besonders in der Arbeitswelt. Das stiftete Unfrieden, war alles andere als demokratisch. Dieser Unfriede wirkt leider heute noch immer bitter nach. Zum Gedenken an den Mauerfall ist uns ein Wort von Jesus Christus mit an die Hand gegeben: Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Die Frau aus Bad Hersfeld hat das getan. Sie hat mir mit dieser einen D-Mark-Münze ein Stück Frieden und Unvoreingenommenheit mit „Westdeutschen“ ins Herz gestiftet. Nicht wegen der Münze, sondern weil sie sich mir zugewandt hat, einfach so. Gott hat das so mit uns Menschen gemacht: Er hat mit Jesus Christus einen Weg des Friedens durch unseren Egoismus geschlagen, die Grenze zwischen ihm und uns. So können wir auch heute Frieden stiften: indem wir einander zuhören, ernst nehmen, mutig auf Augenhöhe begegnen, Hände reichen anstatt Fäuste zu ballen. Egal ob spektakulär oder ganz unscheinbar wie ich es damals in Bad Hersfeld erlebt habe. Wenn wir das tun, dann pflanzen wir Frieden, und dann nehmen wir sicher auch dem stärker werdenden Radikalismus und Nationalismus mindestens ein Stück weit den Wind aus den Segeln.

Ihr Pastor Enrico Klee

(Veröffentlicht zusammen mit einem Beitrag von Pastor Th. Struckmeier in der Neuen Westfälischen am 09.11.2019)

 

Ein Dank-Psalm

1 Dankt dem HERRN, denn er ist gütig; denn seine Gnade währt ewiglich!

2 Dankt dem Gott der Götter; denn seine Gnade währt ewiglich!

3 Dankt dem Herrn der Herren; denn seine Gnade währt ewiglich!

4 Ihm, der allein große Wunder tut; denn seine Gnade währt ewiglich!

5 der die Erde gemacht hat; denn seine Gnade währt ewiglich!

6 der Herrscher und Länder in seiner Hand hält; denn seine Gnade währt ewiglich!

7 der Völker nach ihren Sünden straft; denn seine Gnade währt ewiglich!

8 der Völkern wieder gnädig ist und sie erhebt; denn seine Gnade währt ewiglich!

9 der Menschen zum Frieden aufruft; denn seine Gnade währt ewiglich!

10 der seinen Kindern Mut schenkt; denn seine Gnade währt ewiglich!

11 der Friedensgebete erhört; denn seine Gnade währt ewiglich!

12 der Kerzenschein mit Macht erfüllt; denn seine Gnade währt ewiglich!

 

13 Dankt dem HERRN, der die Trennung unseres Landes überwand; denn seine Gnade währt ewiglich!

14 der Wachleuten Besonnenheit schenkte; denn seine Gnade währt ewiglich!

15 der Kirchentüren für alles Volk öffnete; denn seine Gnade währt ewiglich!

16 der Herzen Tausender mit dem Wort des Friedens erreichte; denn seine Gnade währt ewiglich!

17 der den Machthabern die Sprache verschlug; denn seine Gnade währt ewiglich!

18 und entscheidenden Leuten den Willen zur Gewalt nahm; denn seine Gnade währt ewiglich!

19 der Abertausende in die Straßen rief; denn seine Gnade währt ewiglich!

20 der ein eingesperrtes Volk in die Freiheit ließ, denn seine Gnade währt ewiglich!

21 der getrennte Familien vereinte; denn seine Gnade währt ewiglich!

22 der aus einem Todesstreifen ein grünes Band werden ließ; denn seine Gnade währt ewiglich!

 

23 Dankt dem HERRN, der Gerechtigkeit für Unrecht bewirkt und Vergebung ermöglicht; denn seine Gnade währt ewiglich!

23 der den Menschen in Erfolg und Enttäuschung den Willen zur Einheit unseres Landes aufrecht erhält; denn seine Gnade währt ewiglich!

25 der uns allen gemeinsam Freiheit und neue Verantwortung schenkt; denn seine Gnade währt ewiglich!

26 Dankt dem Gott des Himmels unserem Herrn; denn seine Gnade währt ewiglich!

Amen.