Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.
2.Mose (Exodus) 20,1

Bibeltext:       lies 2. Mose 20,1-21 und Lukas 10,25-28(.29-37)

Impuls zu 2.Mose 20,1
Liebe Gemeinde
Jetzt wird’s eng! Gott spricht! Nach diesem Vers kommen die 10 Gebote. Allein bei dem Gedanken daran und beim Wort „Gebote“ schnürt sich bei vielen Menschen und mir auch irgendwie der Hals zu. Gebote, klingt wie Verbote. Das sind sie ja auch – zum Teil zumindest. Da schalten wir gerne ab. Denn: wir mögen es nicht, wenn wir in unserer „Freiheit“ eingeschränkt werden. Die Freiheit, die wir uns erkämpft haben: von der Enge der Gemeinde vielleicht, in der Du aufgewachsen bist, oder vom engen Elternhaus, oder aus einer erdrückender Beziehung, oder aus sonst einer Enge (Mobbing, Nachbarschaft, Kriminalität, Sucht o.a.). Freiheit – das ist das, wonach wir uns doch sehnen. Der Satz aus 2. Mose 20,1 und die Worte danach sehen aber eher wie das Verkehrsschild „Verengte Fahrbahn“ aus.

Uns beschleicht das Gefühl: Es wird enger, die Wände rücken näher. Wenn ich an den vergangenen Mittwoch denke, geht es mir zumindest ähnlich: Lockerungen sollten kommen. Was kam? Gefühlt mehr Enge! Hygienekonzepte, Mund- und Nasenschutzpflicht, Abstandsregel auch auf Spielplätzen etc. Na toll! Freiheit ist in meiner Vorstellung eigentlich etwas Anderes.
Ich erwarte also beim Lesen dieser Worte Einengung, das „Du sollst nicht“. Doch das kommt vorerst gar nicht. Anstatt von „Du sollst nicht“ fängt Gott seine Gebote an mit „Ich bin“. Der erste Satz des 10-Wortes irritiert meine Erwartungen. Ja, viele von uns kennen diese Worte zumindest in Teilen noch auswendig. Aber im Ernst: Wieviel Gewicht hat in unserer Erinnerung daran der Beginn dieser Worte? Dabei sind sie so entscheidend für das Verstehen der Worte, die darauf folgen. Denn auf den Anfang eines Gesetzes kommt es an! So wie die Präambel und der erste Artikel unseres Grundgesetzes kein bloßes nettes Vorwort sind, sondern das Programm. Sie sind Maßstab für alles Folgende im Grundgesetz. Gott sagt am Beginn seiner grundlegenden Weisung „Ich bin der HERR*, dein Gott.“ (*wörtlich: Jahwe). Gott stellt sich uns vor. Er ist Jahwe, er ist, der er ist. Und wer ist er? Jahwe ist „Dein Gott“, so sagt er es selbst. Nicht irgendein ferner, abseits der Welt lebender, pedantisch auf die Einhaltung seiner Regeln pochender, beziehungsuninteressierter Gott, der mit allerhand Dies und Das gnädig gestimmt werden muss. Er ist „Dein“ Gott. Er ist Gott in direkter Beziehung zu uns Menschen. ER ist immernoch der uns Menschen zugewandte Gott, trotz allem, was in der Vergangenheit gelaufen ist. Ich kann mich an IHN wenden, weil ER sich mir zugewandt hat. Aus freien Stücken. Spätestens seit Jesus und dem, was Er uns von Gott bekannt gemacht hat, wissen wir: Gott hält die Beziehung zu uns aus purer Liebe. Jesus, Gottes Sohn, ist dafür sogar gestorben und ins neue Leben durchgedrungen. Er liebt Dich und mich. Er sieht uns und kennt uns.
Darum ist es ihm auch nicht egal, wie es uns geht. Der zweite Teil dieses Wortes am Beginn der 10 Gebote macht das deutlich: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Wieder irritiert dieses Wort meine Erwartungen und Gefühle. Sollte es nicht um Gebote, also um Rahmengebung, vielleicht sogar Engführung gehen? Stattdessen erinnert Gott uns Menschen daran, dass ER uns befreit hat. Das Gegenteil wird uns vor Augen gemalt.
Nun, aus Ägypten hat mich keiner befreien müssen. Denn ich war noch nie da. Und die aus meinem Bekanntenkreis, die da waren, mussten auch nicht aus dem Land befreit werden. Was heißt das also? Ägypten, das steht für ein Land, ja. Aber noch mehr. Die Wortwurzel (mezar) des hebräischen Namens für Ägypten (mizrajim) ist mit „eng“ oder „enger Ort“ zu übersetzen. Darauf bin ich beim Lesen eines Buches gestoßen, das ein Rabbiner und ein Manager zusammen über die 10 Gebote geschrieben haben**. Sehr nahe damit verwandt ist auch das hebräische Wort für „Bedrängnis“ (mazor). Ägypten steht also sowohl für das geografische Land als auch für Unterdrückung, Sklaverei, Bedrängnis, Enge, ja sogar „Einschließung“. Für das Volk Israel war Ägypten dieses Land am Nil. Hier mussten sie als Sklaven viele Jahrzehnte lang Zwangsarbeit leisten. Hier waren sie eingeschlossen, beengt, bedrängt, ausgebeutet. Gott hat sie befreit. Diese Befreiung aus der Sklaverei ist bis heute das zentrale Ereignis in der Geschichte Israels.
Als Christen haben auch wir eine Geschichte in Enge. Paulus beschreibt im Römerbrief ausführlich, dass Gott uns aus der Sklaverei der Sünde befreit hat. Gott ist also ein Gott, der nicht etwa in die Enge zwingt, sondern ganz im Gegenteil uns Menschen aus der Enge hinein in die Weite seiner liebenden Arme und Fürsorge befreit.
Das Verkehrsschild vom Anfang trifft daher für die Gebote nicht zu. Um 180° gedreht passt es schon eher.

Es zeigt genau diesen Weg Gottes mit uns: Er führt uns aus der Enge in die Weite. Damals führte er sein Volk durch Mose aus der Sklaverei in die Freiheit. Uns heute führt er durch Jesus Christus und seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung aus der Abhängigkeit von Sünde, Schuld und Tod hin in das neue Leben mit ihm, in eine neue Beziehung zu ihm, in die Ewigkeit bei ihm.
Dieser Weg ist herausfordernd. Darum passt es ganz gut, dass das geänderte Zeichen nun auch an das Schild „Vorfahrt beachten“ erinnert. Denn: Gott fordert mich heraus, aus der alten Spur meines Lebens auf eine geweitete Fahrbahn zu fahren. Heraus aus der Abhängigkeit von den Zwängen dieser Welt heißt darum auch: Ich bin gefordert, selbst aufzupassen, dass ich mich nicht wieder in die Enge zurückziehe, mich nicht wieder einer Enge der Welt unterwerfe. Was aber ist das, was mich einengt? In der Schule hab ich oft solche Sätze von Mitschülern gehört „Das schaffst du nicht!“ oder „Du bist zu schwach!“ oder „Ey, Dich mag doch sowieso keiner!“ Handwerklich bin ich nicht so geschickt, darum wurde mir ab und zu auch mal gesagt, ich hätte zwei linke Hände. Oft merke ich auch heute noch, dass sich genau diese Sätze melden, wenn ich etwas nicht schaffe, nicht zu meiner oder anderer Zufriedenheit gelöst habe. Sollten sie also DOCH stimmen? NEIN! Seit ich es gewagt habe, den Weg mit Gott zu gehen, diese Weitung meines Weges zuzulassen, seitdem merke ich immer mehr: Diese Worte engen ein, sie gehören nicht zu dem, was Gott über mich sagt. Sie sind Lügengebäude, aufgebaut auf menschlicher Erfahrung, Befürchtung oder sogar Gewalt. Vielleicht kennst auch du solche Sätze. Sie stimmen nicht! Gott sagt das Gegenteil: Er begabt Dich, er liebt Dich, Du bist stark! Sicher, nicht in allen Bereichen, aber das muss auch nicht sein. Du bist es auf Deine Weise! Du hast einen oder sogar mehrere Bereiche, in denen Du richtig gut bist, wo Gott Dich begabt hat und wo er möchte, dass Du ihm damit dienst. Paulus zeigt das in seinen Briefen immer wieder, ab dem Römerbrief thematisiert er das in vielen seiner Schreiben an die Gemeinden.
Ich werde an Psalm 23 erinnert: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde und schenkst mir voll ein!“ Der Weg, den Gott mir weitet, ist so ein voll eingeschenktes Glas. Gott lädt mich und Dich ein: Wage es, aus der Enge, aus den Grenzen deines Lebens hinaus in das Land zu treten, in das Gott Dich führt bzw. schon geführt hat!
Moment! Nochmal zurück! Wer führt? Du Dich? Ich mich? NEIN! Gott führt! Er selbst! Ich selbst kann mich nicht aus dem Sumpf ziehen. Ich kann alleine diese falschen Lebenssätze oder andere Einengung meines Lebens nicht überwinden. Aber Gott. Gott führt heraus. Er hat es schon getan. Mit Jesus! Jesus sagt: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!“ (Joh 16,33) Jesus hat für mich diese Sätze der Welt in meinem Leben überwunden! Mein Vertrauen und mein Mut sind jetzt gefragt – mein Vertrauen, dass Gott das Richtige tut und mich frei macht, von dem, was mich noch immer einengt und mein Mut, auf Gott zu hören, wenn er mir etwas sagt und zu tun, was er mir aufträgt. Und nein: Er wird mich nicht in einen engen Flaschenhals führen. Ich bleibe auf dieser geweiteten Straße, die Gott mir geöffnet hat (und die nicht zu verwechseln ist mit dem „breiten Weg“ aus Mt 7,13-14; denn damit ist etwas Anderes gemeint!),
In diesem Wort aus 2. Mose 20,1 höre ich Gott, wie Er zu mir und zu Dir sagt: Ich bin Dein Gott und ändere mich nicht! Ich liebe Dich! Verlass Dich auf meine Hilfe, denn ich führe Dich sicher ans Ziel, durch dunkle Täler und über weitläufige Wege, aus der Sklaverei in die Freiheit. Was auch immer geschieht: Vertrau mir, denn ich bin bei Dir, ich bin Dein Gott, der dich befreit hat!
Ich staune und bin erleichtert! Gott hat meine Befürchtungen durchkreuzt. Wie gut das tut! So kann ich gehen, Gas geben und Du auch, auf Gottes Straße, mit seinem Auftrag im Gepäck: IHN groß zu machen, und von IHM zu erzählen – trotz der Enge in Corona-Lockerungs-Zeiten.            
Dein / Euer Pastor Enrico Klee

**Buch: Thomas D. Zweifel und Aaron L. Raskin: Der Rabbi und der CEO, New York 2008.

Lieder zum Thema
Du bist der Weg die Wahrheit und das Leben
Viele Wege gibt es (Weise mir Herr deinen Weg)
Von deinen Worten können wir leben
Befiehl du deine Wege (Str. 1.6-8)

Gebet: bete Psalm 23 und 31 (und ggf. noch Ps. 27)

Einfach mal DANKE sagen…
Wenn dir jemand eine Freude macht, wie sehr mehr freudeerweckend ist es, wenn sich bei dir jemand von Herzen bedankt, sodass du merkst das er es ernst meint, für etwas was du ihm getan hast. Ich versichere dir es ist ein großes Geschenk, auch wenn du der bist ,der sich bedankt und du merkst, dass das genau das war, was er gebraucht hat.
Denk doch mal drüber nach, bei wem du dich heute bedanken kannst.

Gottes Reden beim Bibellesen erfahren
Das Pastorenehepaar Frauke und Tobias Teichen vom ICF München bietet ein sehr hilfreiches, praxisnahes Video zu einer Bibellese-Methode an, die dazu dient, Gottes Reden im eigenen Leben zu erfahren. Auf Youtube findet Ihr das Video unter dem Namen „EXPERIENCE GOD SESSION – Die Bibel neu entdecken“ oder direkt über diesen Link: https://youtu.be/LSGd-krXdyA
Die Offenbarung des Johannes ist ja ein prophetisches Buch, dass uns in die Geheimnisse der letzten Zeit einweist. Oft trauen wir uns aber nicht so richtig dran, weil sie nicht auf Anhieb leicht zu verstehen ist. Wer Interesse hat, in dieser Zeit ein wenig mehr zu forschen, findet auf Youtube eine recht intensive 18teilige Vortragsreihe von Hans-Peter Royer. Gebt ein: „Offenbarung Hans Peter Royer“ oder klickt direkt auf diesen Link: https://www.youtube.com/watch?v=xiqTZwFB-jg&list=PLWA5s5IywnsNaMJQKzJX-1ZX0CIhG-p_H
Für die, die es eher in Papierform mögen, hier ein Studienbuch zur Offenbarung von René Christen, das eine gründliche, zugleich allgemeinverständliche und seelsorgerliche Erklärung zum letzten Buch der Bibel bietet. Es heißt „Lichter in der Nacht“. und ist direkt beim Verlag tredition zu bestellen: https://tredition.de/autoren/rene-christen-27135/lichter-in-der-nacht-paperback-115607/
Auch diese Hilfen zur Offenbarung kann man wunderbar in einer Zweierschaft angehen und sich nach bestimmten Abschnitten austauschen.

Grüße und Segenswort
Ich wünsche Euch allen eine gesegnete Woche! Gott behüte Euch und leite Eure Gedanken, Worte und Taten! Herzliche Grüße, auch im Namen des Leitungskreises!
Euer Pastor Enrico Klee

Der HERR segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;
der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 
Amen.
(4. Mose 6,24-26)

Bilder: Titelbild: Enrico Klee; Verkehrszeichen: Wikipedia